„Humple Borpnah!“ – 25 Jahre Chaos und Kult mit Die Sims
25 Jahre sind eine lange Zeit: Großbritannien ist aus der EU ausgetreten, Donald Trump zweimal Präsident der Vereinigten Staaten geworden und die Sims sind erschienen – letzteres ist definitiv ein Lichtblick. Vier Grundspiele, mehr als 50 Erweiterungspacks, zahlreiche Spin-Offs und mobile Spiele umfasst die altehrwürdige Serie. Zeit also, einen Blick zurückzuwerfen auf eine unscheinbare aber unheimlich erfolgreiche Lebenssimulation.
Eigentlich nischig, aber keine Nische
Dass die Sims nicht nur mein Ding sind, dazu braucht es keine großen Analysen. Schließlich haben sich die Spiele der Reihe mehrere hundert Millionen Mal verkauft – Fans weltweit haben sich inzwischen zu einer lebendigen Community zusammengefunden, die das Spiel mit Mods aufwertet, Challenges veranstaltet und vieles mehr. Dass die Community das Lebensblut der Reihe ist, zeigt sich auch daran, dass der vierte Teil nun selbst schon zehn Jahre auf dem Buckel hat. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht, dafür aber zahlreiche Erweiterungen und kostenlose Updates. Aber genug vom aktuellen Teil der Reihe – zurück zu den Anfängen. Es wird Zeit für einen Ausflug zum Anfang der 2000er und zurück zum ersten Sims-Teil.

Die Hütte wird nicht nur gebaut, sie brennt auch
Die Sims bringen mit, was zu ihrem Erscheinen bereits bekannt ist: Eine Möglichkeit (virtuell) Häuser zu bauen und zu gestalten. Dreidimensionale Hausplaner sowohl für den professionellen Einsatz als auch für den Hausgebrauch sind in den 90ern bereits verfügbar. Hier kann zwar Spaß beim Konstruieren aufkommen, aber wirklich dauerhafte Unterhaltung bieten die Tools nicht.

Deswegen ist es nur eine Zutat für die Sims. Hinzu kommt eine (für ihre Zeit) sehr ausgeklügelte Lebenssimulation: Schließlich bewohnen die Sims die zuvor gezimmerten Bauten. Und wie in der Überschrift erwähnt, brennt die Hütte dann relativ schnell. Sims leben, lieben, arbeiten, sterben zu Händen des geneigten Spielers und schaffen es, aus jedem perfekt geplanten Haus ein Chaos aus brennenden Küchen, überfluteten Badezimmern und unerklärlichen Todesursachen zu machen. Dank der zahlreichen Erweiterungen fliegen die Sims in den Urlaub, holen sich Haustiere und werden zum Filmstar. Kein Wunder, dass man hier Stunden und Tage verbringen kann. Ich zumindest habe als Schüler viel meiner Freizeit vor dem Monitor und mit dem Leben der kleinen Wesen verbracht. Und was ist besser als die Sims? Die Sims 2 natürlich und die folgen im Jahr 2004.
Übrigens auch der Soundtrack des ersten Sims ist genial. New Age Jazz begleitet uns beim Kaufen und Bauen und man wähnt sich fast in der amerikanischen Mall der 1960er.
Hype, der unaufhaltbare Hype
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich die Artikel und Videos der Gamestar vor Release des Nachfolgers gelesen und geschaut habe. Alles war schon vom ersten Bild- und Videomaterial an größer, schöner und besser. Geschenkt, dass einige Features beim Release im September 2004 fehlen – auch, wenn ich die Eifersucht aus dem ersten Gameplay genauso vermisst habe, wie Regen und Gewitter, die erst später ins Spiel kommen. Das Spiel hat seinerzeit die Sogwirkung eines Hurricanes und verschluckt mich mit Haut und Haar. Warum? Das ist einfach: Eine unfassbar schicke und detaillierte 3D-Grafik (deren liebevolle Animationen den Nachfolgern gern mal abgehen) zeigt das Leben der Sims bis ins kleinste Detail. Außerdem sind die kleinen Wesen deutlich lebendiger, zwischenmenschlicher und selbstständiger.

Die Sims leben: Lebendiger, vielfältiger, verrückter
Endlich altern Kinder, Sims vererben ihre Eigenschaften, das Rätsel um Bella Grusel (Julia von Spinnweb im ersten Teil) und so weiter und sofort. Hinzu kommen außerdem Wünsche und Lebensziele, die uns eine Richtung geben, in die wir unsere Sims entwickeln können (oder auch nicht, schließlich sind enttäuschte Erwartungen alles andere als unrealistisch). Außerdem sammeln die Sims munter gute und schlechte Erinnerungen (immer auch abhängig von den eigenen Zielen). Ein Beispiel? Wo dem einen die Hochzeit der schönste Tag im Leben ist, kann der Verzicht auf wilde Techtelmechtel mit jedem Sim der Nachbarschaft im Austausch gegen den Bund der Ehe eine erschreckende Vorstellung sein.

Das Spiel ist so fesselnd, dass man schon eiskalt sein muss, dem bunten Treiben auf dem Bildschirm nicht zu verfallen. Stilecht übrigens auch die Größe des Spiels: Vier Discs müssen installiert werden, bevor es endlich losgeht. Dass sich das lohnt zeigen nicht zuletzt 13 Millionen verkaufte Einheiten. Dazu tragen wieder zahlreiche Erweiterungen – acht an der Zahl – (und ganz neu) Accessoire Packs – ganze neun Stück – bei . Während erstere Urlaubsorte, das erwähnte Wetter, Stadtwohnungen und Colleges bringen, kann man sich mit Zweitem IKEA-Möbel und H&M-Mode ins Haus holen. Und was folgt auf einen Erfolg? Eine Fortsetzung natürlich! Schließlich sind aller guten Dinge drei und das stimmt (meiner bescheidenen Meinung nach) auch hier.

(Grundstücks)grenzenlose Freiheit
Um das größte Manko der älteren Sims-Spiele zu erkennen, muss man nicht lange suchen. Einmal eingezogen kann das Leben in der Nachbarschaft ganz schön einsam werden. In die Sims 1 liegt unser Grundstück in einer grauen Einöde – um beispielsweise ein Restaurant oder den Urlaubsort zu besuchen, müssen wir das Taxi bemühen. Der zweite Teil geht einen Schritt weiter und zeigt uns einen Blick auf die Nachbarschaft und andere Gebäude. Auch hier ist das Motto aber: Gucken ja, anfassen nein. Die Sims 3 bricht mit dieser „Tradition“ und lässt die Sims zum ersten Mal auf die Nachbarschaft los. Einmal (beeindruckend, bei mir ruckelnd) herausgezoomt, wird der Blick frei auf die gesamte Spielwelt.
Dem Besuch bei Freunden, Feinden oder Familie steht anschließend kein Ladescreen mehr im Weg. Außerdem haben die anderen Sims in der Nachbarschaft endlich mehr Leben bekommen. Sie scheinen sich weiterzuentwickeln, neue Jobs zu bekommen, zu heiraten, ihren Job zu verlieren und irgendwann sind die liebgewonnenen Freunde des eigenen Sims auch alt und grau – bei die Sims 2 wurden unsere Figuren noch alleine alt und nur eine begrenzte Zahl an Freunden ließ sich auf Knopfdruck mit-altern. Nachteil der Struktur sind die sogenannten Rabbit Holes (zu Deutsch Kaninchenbauten). Hier shoppen und arbeiten die Sims. Dabei heißt es: Menschen müssen draußen bleiben.
Individuell geht die Welt zugrunde
Das Bauen und Gestalten sind wie schon gesagt eine der Grundzutaten der Sims-Spiele. Wer gedacht hat, dass Entwickler Maxis hier schon die Grenzen des Möglichen erreicht hat, der täuscht. Tatsächlich sind die Tools so umfassend, wie bei keinem Sims-Spiel vorher. Kleider, Möbel und Co. lassen sich mit Mustern und Farben frei gestalten und der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Dem Leopardenoberteil nebst passenden Teppichen und Vorhängen steht nichts mehr im Weg. Und auch die Sims an sich haben sich verändert: Neue Eigenschaften bringen noch mehr Tiefe ins Spiel. Fünf unterschiedliche Eigenschaften lassen sich pro Sim festlegen und sorgen dafür, dass sich die kleinen Figuren im Verhalten deutlich voneinander unterscheiden.
Außerdem bekommen die Sims im dritten Serienteil Lebensziele verpasst. Mit diesem langfristigen Ausblick lässt sich das Sim’sche Leben noch spannender gestalten. Wünsche und Eigenschaften bauen darüber hinaus auch aufeinander auf – Fans von taktischen Kombinationen können sich daran erfreuen. Wer sich jetzt denkt, dass das nicht noch besser werden kann, der hat leider recht.
Gesund geschrumpft oder halbe Portion?
Die Entwicklung des vierten Sims-Spiels verlief nicht ohne Probleme und das zeigt sich bei Erscheinen. Ursprünglich sollte der vierte Sims-Teil wohl eine Online-Version der Sims werden – der ursprüngliche Plan wurde in letzter Minute umgeworfen und das Spiel zum klassischen Ableger der Serie umgebaut. Nicht unbedingt an Problemen, sondern vielmehr an einigen Leerstellen ist das zu erkennen. So wird die lebendige, dreidimensionale Nachbarschaft der Vorgänger durch eine 2D-Grafik ersetzt, die weniger an die Sims und mehr an Farmville und Co. erinnert. Daneben sind viele andere bekannte Elemente der Schere zum Opfer gefallen: Kleinkinder? Weg! Pools? Braucht (scheinbar) kein Sim! Eine offene Welt? Pah, hier sind ein paar neue Ladebildschirme!
Die Liste ließe sich lange weiterführen und für mich besonders schmerzlich, gehören auch die Design-Tools zu den Spielelementen, die es nicht in die vierte Generation geschafft haben. Trotz vieler schlechter Nachrichten, gibt es auch positive Verbesserungen: Der Baumodus ist noch einmal deutlich mächtiger als bisher und erlaubt kreative Bauten nach jedem Geschmack. Beim Sim-Erstellen braucht es derweil keine Schalter und Regler – stattdessen formen wir Körper und Gesichter unserer Spielfigur direkt mit der Maus.
Außerdem gehen die Sims mit der Zeit und setzen mehr aufs Handy denn aufs stationäre Telefon. Wie wir Menschen in der Realität sind auch die Sims des vierten Teils immer vernetzt. Eine sehr gelungene Ergänzung, war es doch insbesondere im ersten Teil besonders knifflig, Freundschaften am Leben zu halten.
Ein Ausblick: Die nächste Generation
Die Sims 4 ist mehr als all seine Vorgänger ein Spiel mit Live-Service. Wie erwähnt, wird das Spiel seit zehn Jahren mit kostenpflichtigen und kostenlosen Inhalten versorgt. Ein echter Nachfolger steht deswegen vorerst nicht ins Haus. Trotzdem ist das Sims-Team nicht untätig und probiert sich mit dem mysteriösen Project Rene an einigen Neuerungen aus. Dazu gehört die umfassende Anpassung von Objekten und Räumen ebenso, wie das nahtlose Zusammenspielen zwischen mobilen Geräten, Konsolen und PCs. Das Ganze befindet sich derzeit noch in einer sehr frühen und experimentellen Phase und ob darauf im Endeffekt ein Spiel werden wird (und was für ein Spiel das sein könnte) steht noch nicht fest.
Wem der Sinn nach Nachschub bei Lebenssimulationen steht, der könnte dieses Jahr aber an anderer Stelle fündig werden. Mit Paralives steht eine Sims-Alternative im stilisierten Comic Look und mit jeder Menge Individualisierungsmöglichkeiten vor dem Start in den Early Access und InZoi bringt fotorealistische Grafik ins Genre. Wie sich die beiden Alternativen entwickeln, wird sich zeigen. Aber so spannend wie derzeit war es bei Lebenssimulationen schon eine Ganze Weile nicht mehr.
Ein prägender Wegbereiter im Stillstand
Und wie passt das zu den Sims? Die Reihe ist legendär und hat all diesen Spielen den Weg geebnet. Dass es nun nach 25 Jahren die ersten Versuche einer ernsthaften Konkurrenz gibt, zeigt aber auch, wie populär die Sims-Spiele waren. Insbesondere mit dem vierten Teil hat EA aber auch viele Spielerinnen und Spieler bitter enttäuscht und mit vielen Jahren des Melkens seiner verlässlichen Geldquelle das Tor für die mögliche Konkurrenz weit geöffnet. Die neue Konkurrenz muss nun zeigen, wie sie diese Möglichkeiten für sich nutzen kann.
Ob nun nostalgische Erinnerungen oder die Hoffnung auf innovative Zukunftsprojekte wie Project Rene und Paralives – eines ist sicher: Die Sims haben unser Spielerleben geprägt wie kaum ein anderes Spiel, und egal, wie die Reise weitergeht, sie bleiben ein Meilenstein in der Geschichte der Lebenssimulationen.
Die persönliche Note
Ich glaube, dass jeder, der die Sims gespielt hat, eine persönliche Verbindung zum Spiel entwickelt. Wenige Games lassen einem derart viel Freiraum: Sei es, um kreativ, destruktiv oder verspielt zu sein. Die Sims bieten vom ersten Serienteil an eine weiße Leinwand, die wir mit Leben (oder mal mehr, mal weniger beabsichtigtem Tod) füllen können. Deswegen bedeutet mir die Serie viel, weswegen ich auch nicht von verlorener Zeit spreche. Ganz im Gegenteil hat das Spiel mich durch eine schwierige Jugend gebracht und mir einen (virtuellen) Rückzugsort vor verbaler und körperlicher Gewalt in der Schule gegeben. In die Sims hatte ich immer die Möglichkeit, für ein paar Stunden zu fliehen und das werde ich dieser altehrwürdigen Serie nicht vergessen. Wer die Sims nicht kennt oder als bloßes Videospiel abtut, verpasst etwas Besonderes – kaum ein anderes Spiel spricht so viele unterschiedliche Menschen an. Vom Hobby-Zocker über die Gelegenheitsspielerinnen und Spieler bis zu jüngeren, die ihre ersten Gamingerfahrungen machen. Also an dieser Stelle: Alles Gute liebe Sims und auf weitere (hoffentlich spannende) 25 Jahre und danke, danke für alles.